Grußwort von Dr. Charlotte Knobloch

Dr. h.c. Charlotte Knobloch Dr. Charlotte Knobloch
Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern
ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland
WJC-Beauftrage für Holocaust Memory

 

Grußwort zur 2. Versammlung der Initiative Nie wieder: Erinnerungstag im deutschen Fußball

Frankfurt am Main, 13. Januar 2019

Sehr geehrte Damen und Herren,

vom Fußball heißt es, er sei „die schönste Nebensache der Welt“. Diese Beschreibung zu akzeptieren fällt vielen von uns schwer: Wer sich diesem Sport mit Leib und Seele verschrieben hat und ihn womöglich auch selbst betreibt, für den ist Fußball alles, aber keine Nebensache – er ist Leidenschaft.

Doch darf ich mir erlauben, das runde Leder hier dennoch etwas einzuordnen. Denn so erfüllend Fußball als Lebensinhalt auch sein mag – wichtiger und entscheidender ist und bleibt das Leben selbst.

Diese Feststellung mag uns zunächst läppisch vorkommen. Aber es ist noch nicht sehr lange her, da diejenigen, die sich als Teil dieses Landes verstanden, die sich sozial, politisch und ja, auch sportlich engagierten, sich plötzlich ihres Lebens nicht mehr sicher sein konnten.

Es ist knapp achtzig Jahre her, dass diese Menschen unvermittelt aus ihrem familiären und beruflichen Umfeld herausgerissen, entrechtet, beraubt, verschleppt, misshandelt und ermordet wurden. Als Unrecht und Barbarei regierten und Menschlichkeit nichts mehr galt.

Die Überlebenden wussten fortan, wie wichtig das Leben selbst ist. Und die Gesellschaft des neuen, demokratischen Deutschlands verschrieb sich der Erinnerung an die Jahre des Unrechts und der Verfolgung – um ihre Wiederholung aus Unwissenheit zu verhindern.

Diese Erinnerung ist in den 70 Jahren der Existenz der Bundesrepublik eine der wichtigsten politisch-moralischen Leitlinien ihrer Politiker geworden. Sie ist in Lehrpläne eingeflossen und hat ganze Biographien bestimmt; das Gedenken an die Verbrechen der NS-Zeit ist bis heute präsent geblieben. Die Verantwortung dafür, dass dies auch in Zukunft – und auch ohne Zeitzeugen – so bleibt, tragen wir als Mitglieder dieser Gesellschaft alle gemeinsam.

Das betrifft natürlich in besonderem Maße den Fußball, der wie kaum eine andere Institution in diesem Land allgemeine Anerkennung und Vertrauen genießt. Über alle Gräben verbindet der Fußball die Menschen; im wahrsten Sinne des Wortes spielerisch ermöglicht er einen Austausch, wo andere Initiativen keine Chance hätten.

Vor diesem Hintergrund freut es mich besonders, dass der Erinnerungstag im deutschen Fußball einen Beitrag dazu leistet, die Erinnerung an die Vergangenheit wachzuhalten und gesellschaftliches Engagement zu würdigen und zu fördern.

Das ist heute keine geringe Aufgabe. Wir erleben immer wieder, dass Politiker auf Bundes- und Landesebene, vor allem aus einer ganz bestimmten Partei, die Gedenkkultur unseres Landes in Wort und Tat angreifen – ob das nun die Forderung nach einer „Wende um 180 Grad“ ist oder das Einschleusen von pöbelnden Besuchergruppen in KZ-Gedenkstätten.

Diese Menschen sind mit ihren lauten und verletzenden Einlassungen Teil unserer gesellschaftlichen Realität. An uns allen liegt es, dafür zu sorgen, dass sie niemals tonangebend werden. Dafür ist es wichtig, überall einzutreten gegen neuen Antisemitismus, gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz.

Das Motto der diesjährigen Versammlung, „Erinnern reicht nicht!“, ist vor diesem Hintergrund hervorragend gewählt.

Denn Erinnern ist nicht nur eine persönliche Aufgabe, sondern auch eine gesellschaftliche Verpflichtung. Ich freue mich, dass der deutsche Fußball in seiner Rolle als Botschafter der Weltoffenheit und Toleranz diese Verpflichtung besonders ernst nimmt. Das konkrete Handeln, das bereits die Veranstaltungsankündigung für diese Versammlung anspricht, ist hier besonders wichtig, denn die Stadien sind mit ihrer großen gesellschaftlichen Strahlkraft auch Orte der öffentlichen Meinungsbildung. Die Zeichen, die hier gesetzt werden, zählen doppelt.

Dies gilt einerseits für wichtige Initiativen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, die von den Vereinen, der Liga und dem DFB selbstständig durchgeführt werden.

Dies gilt aber auch und besonders bei der Bekämpfung von antisemitischen und anderweitig menschenfeindlichen Äußerungen im Stadion. Der ruppige Charme der Fankultur darf keine Entschuldigung sein für Beleidigungen, Verletzungen und Hass. Wenn Spieler und Fans der Gegenmannschaft rassistisch beschimpft oder in beleidigender Absicht als „Juden“ tituliert werden, dann sind Grenzen überschritten. Ich kann nur alle betroffenen Stellen dazu aufrufen, solche Verstöße auch weiterhin mit empfindlichen Strafen zu ahnden.

Denn was heute einmal ohne Konsequenzen bleibt, ist morgen schon normal.

Sehr geehrte Teilnehmer,

In zwei Wochen erinnern wir am Internationalen Holocaustgedenktag an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, die sich heuer zum 74. Mal jährt.

Die jüdische Gemeinschaft, die heute in Deutschland lebt, ist groß, jung und vital. Für sie wie für die Gesamtgesellschaft gilt: Ohne Wissen um die Vergangenheit gibt es keine Zukunft. Und wo keine Lehren aus der Vergangenheit gezogen werden, kann sie sich jederzeit wiederholen.

Eine starke, demokratische Gesellschaft ist daher unsere schärfste Waffe im Kampf gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus.

Ihnen allen danke ich dabei von Herzen für Ihr Engagement und Ihren Einsatz dabei. Ich freue mich, dass der Fußball, der auch meine Leidenschaft ist, hier so beispielhaft vorangeht.

Und ich wünsche Ihnen und uns allen weiterhin viel Erfolg bei dieser segensreichen Arbeit.