Grußwort von Romani Rose

Romani RoseRomani Rose, Vorsitzender des Zentralrates der Deutschen Sinti und Roma und Geschäftsführer des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma  in Heidelberg

 

 

Grußwort zur 2. Versammlung der Initiative !Nie wieder: Erinnerungstag im deutschen Fußball wegen Abwesenheit vorgetragen von Emran Elmazi (Referatsleiter Dialog  des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma)

Frankfurt am Main, 13. Januar 2019

Sehr geehrter Herr Schulz, sehr geehrter Herr Präsident Grindel, sehr geehrter Herr Präsident Rauball, sehr geehrte Frau Ribler, sehr geehrte Frau Reip, liebe Gäste, meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr, dass ich heute bei der „2. Frankfurter Versammlung im deutschen Fußball“  mit diesem Grußwort einen Beitrag zu der wichtigen Debatte um die Themen: „Fußball – Demokratie – Europa“  leisten kann. Ich freue mich umso mehr, als es mir die Gelegenheit bietet, einen Mann zu würdigen, der sich seit vielen Jahren für unsere Minderheit engagiert.

Sie, lieber Herr Schulz, sind nicht nur der Gründer des Bündnisses „!Nie wieder – Erinnerungstag im deutschen Fußball“, das sich gegen alltäglichen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Antiziganismus in unseren Fußballstadien wendet. Sie haben sich auch in besonderer Weise für die Belange unserer Minderheit eingesetzt. Dafür möchte ich Ihnen am heutigen Tag nochmals von ganzem Herzen Danke sagen. Bei unseren Begegnungen ist stets spürbar, dass Ihr Engagement von tiefer innerer Überzeugung getragen ist.

Besonders hervorheben möchte ich, dass die Initiative „!Nie wieder – Erinnerungstag im deutschen Fußball“  bei ihrer Gründung im Jahr 2004 die Botschaft „Nie wieder!“ der überlebenden Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau aufgegriffen hat.

Im Bewusstsein dieses „Nie wieder!“ erleben wir seit 70 Jahren eine Phase des inneren und äußeren Friedens in Mitteleuropa. Mit Blick auf die heutige Situation ist es jedoch besonders wichtig, sich vor Augen zu führen, dass dies keine Selbstverständlichkeit ist. Die Demokratie und der Rechtsstaat müssen ständig verteidigt werden und dabei ist es wichtig zu wissen, dass ein Angriff auf Minderheiten immer auch ein Angriff auf die demokratische Gesellschaft im Gesamten darstellt.

Ich bin daher sehr froh und dankbar, dass wir heute den Fußball auch in seiner gesellschaftspolitischen Verantwortung wahrnehmen.

Gerade im Hinblick auf die Geschichte der Deutschen Sinti und Roma können wir nachvollziehen, wie wichtig es ist, gegen Menschenhass, Ausgrenzung und Rassismus rechtzeitig und bewusst aufzutreten. Es bedurfte eines jahrzehntelangen Kampfes, bis die deutsche Nachkriegsgesellschaft, die an unseren Menschen begangenen Verbrechen, öffentlich wahrgenommen hat. Nahezu 40 Jahre dauerte es, bis der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma im Jahr 1982 vom damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt erstmals völkerrechtlich anerkannt wurde. In seiner Ansprache anlässlich der Eröffnung des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg brachte der damalige Bundespräsident Roman Herzog 1997 die an unseren Menschen begangenen Verbrechen mit folgenden Worten zum Ausdruck:

„Der Völkermord an den Sinti und Roma ist aus dem gleichen Motiv des Rassenwahns, mit dem gleichen Vorsatz und dem gleichen Willen zur planmäßigen und endgültigen Vernichtung durchgeführt worden wie der an den Juden. Sie wurden im gesamten Einflussbereich der Nationalsozialisten systematisch und familienweise vom Kleinkind bis zum Greis ermordet.“

Dass der Holocaust an den Sinti und Roma heute einen eigenen historischen Stellenwert hat, dass unseren Opfern eine eigene Erinnerung und eine eigene Würde zukommt – dafür haben die deutschen Sinti und Roma lange kämpfen müssen.

Als wir mit unserer politischen Arbeit Ende der 1970er Jahre erstmals in die Öffentlichkeit getreten sind, war das gesellschaftliche Bewusstsein mit Blick auf unsere Minderheit noch geprägt von den ideologischen Kontinuitäten aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Es bedurfte langwieriger Auseinandersetzungen, um die Erblasten des „Dritten Reiches“ zu überwinden und in Politik und Gesellschaft einen anderen Umgang mit unserer Minderheit zu etablieren. Durch die politischen Erfolge der Bürgerrechtsbewegung sind neue Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten entstanden, die die junge Generation der Sinti und Roma selbstbewusst nutzt.

Ungeachtet dieser positiven Entwicklung erleben wir derzeit in Europa eine Wiederkehr von längst überwunden geglaubtem Nationalismus, Populismus und antidemokratischen Bewegungen.

Wieder einmal sind es Minderheiten, die als Sündenböcke für die derzeitigen gesellschaftlichen Verwerfungen herhalten müssen. Die so genannte Flüchtlingskrise hat die sozialen Spannungen noch verschärft.

Gerade weil unsere Menschen in vielen Ländern wieder verstärkt rassistischer Hetze und Gewalt ausgesetzt sind, ist es wichtig, dass wir uns als Minderheit nicht verstecken, sondern dass wir die Möglichkeiten, die uns der demokratische Rechtsstaat bietet, dafür nutzen, um offensiv gegen Diskriminierung und Rassismus vorzugehen.

Für dieses Prinzip der Selbstbestimmung und der Eigenverantwortung stehen auch Projekte wie das Internationale Wiederaufbauprojekt in Ungarn. In Kooperation mit dem Internationalen Bauorden und der ungarischen Roma-Nichtregierungsorganisation Phralipe realisierte der Zentralrat in den Jahren 2010 bis 2012 in mehreren ungarischen Ortschaften ein internationales Wiederaufbauprojekt.

Das Projekt richtete sich an diejenigen Roma-Familien, deren Angehörige in den Jahren 2008 und 2009 Opfer einer rassistisch motivierten Mordserie geworden und deren Häuser bei den dabei verübten Brandanschlägen entweder stark beschädigt oder vollständig zerstört worden waren. Diese Mordserie allein hat insgesamt sechs Tote gefordert. Darunter war auch ein fünfjähriger Junge, der zusammen mit seinem Vater erschossen wurde, als dieser versuchte, mit seinen Kindern aus dem brennenden Haus zu fliehen.

Insbesondere im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit unterstützten der damalige Verbandspräsident Theo Zwanziger und der Deutsche Fußballbund die Initiative. Die mit dem Fußball-Länderspiel Ungarn – Deutschland am 29. Mai 2010 verbundene Medienöffentlichkeit nutzte der DFB, um ein klares Zeichen gegen Rassismus und für die Solidarität mit den Angehörigen der Mordopfer zu setzen. Einige der von den Anschlägen betroffenen Familien wurden als Ehrengäste zu dem Spiel eingeladen. Im Vorfeld des Länderspiels besuchte eine Delegation des DFB zusammen mit dem Zentralrat sowie der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Petra Pau und der deutschen Botschafterin,  Dorothee Janetzke-Wenzel, das Dorf Tatárszentgyörgy, an dem eines der Bauprojekte stattgefunden hat. Die Delegation informierte sich über den Fortgang der Renovierungsarbeiten und der DFB überreichte der örtlichen Fußballmannschaft Fußbälle und Trikots.

Meine Damen und Herren,

die Bekämpfung von Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus im Sport ist weiterhin ein wichtiges und sehr aktuelles Thema. Ob im Stadion, im Verein oder in der Berichterstattung: Rassismus und Antiziganismus zeigen sich immer wieder und in unterschiedlichen Dimensionen. Die Ausgrenzung reicht von der Verbalisierung weit verbreiteter Vorurteile, über neonazistische Hetzparolen bis hin zu gewalttätigen Übergriffen.

In der Sportgeschichte gab und gibt es Minderheitenangehörige, die als Sportler große Erfolge erreicht haben. Drei dieser “vergessene Helden” des Sports – Oswald Marschall, Walter Laubinger und Sergio Peter – werden in der Ausstellung „Abseits im eigenen Land“ präsentiert. Kurator Andrzej Bojarski möchte damit junge Sinti und Roma ansprechen und den Zugang zum Sport über Vorbilder erleichtern.

Die Ausstellung soll im kommenden Jahr erweitert werden und die Ausgrenzung ehemaliger Sportidole während der Zeit des Nationalsozialismus und in unserer Gegenwart dokumentieren. Zugleich soll sie aber auch eine Brücke schlagen und die Besucher für Formen des heutigen Rassismus, des Antisemitismus und des Antiziganismus sensibilisieren. In den Vereinen der Bundesliga haben seit Jahren immer wieder Sinti und Roma gespielt, ohne sich zu ihrer Identität als Zugehörige der Minderheit zu bekennen. Einige von ihnen sind in die ihre Nationalmannschaften berufen worden wie André-Pierre Gignac aus Frankreich, Ricardo Quaresma aus Portugal sowie  Istvan Pisont und János Farkas aus Ungarn. Sie alle haben als wichtige Spieler um hohe internationale Titel gekämpft undihren Teil zum Mannschaftserfolg beigetragen.

Als Sportidole haben sie viel für den Fußball geleistet und dienen heute bei der Vermittlung demokratischer Grundwerte für uns und die kommenden Generationen als Vorbilder.

Wenn Fußballvereine, Fußballspieler und Fans sich ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung bewusst sind , können wir gemeinsam für eine Zukunft kämpfen, die auf Solidarität und humanistischen Werten beruht.

Ich danke Ihnen.